Fassaden-Begrünung -- was bringt das ?
Ein super Artikel aus der WELT...!!! Das Rad muss eben nicht neu erfunden werden und Vorschriften führen zu einer ganz natürlichen menschlichen Gegenreaktion.
Dirk Sommer und Matthias Rohde
ARTIKEL AUS „DIE WELT“ VOM 17.7.2026
HITZE UND „HORTITECTURE“
Der große Irrtum von der grünen Stadt
Von Dankwart Guratzsch
Stand: 17.07.2026Lesedauer: 10 Minuten
Bäume, Gründächer, bepflanzte Fassaden: Was nach Klimarettung klingt, ist vor allem Symbolpolitik. Wer Städte wirklich hitzefester machen will, muss über Dichte und Bestand sprechen – und über Schönheit.
Marburg will „grüner“ werden. Die mittelalterlich geprägte Universitätsstadt an der Lahn mit ihren verwinkelten Straßen, ihrem Burgberg und ihren Fachwerkhäusern hat sich einem „Lifting“ verschrieben, mit dem „die klimagerechte Fortentwicklung des öffentlichen Raums in der Oberstadt“ vorangetrieben werden soll. Da steht die Stadt nicht allein.
Über klimagerechte Stadtentwicklungskonzepte wird angesichts der Hitzewellen dieses Sommers derzeit in vielen Städten nachgedacht. Selbst der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nutzte ein Interview im Deutschlandfunk, um auf die dringende Notwendigkeit städtebaulicher Eingriffe hinzuweisen, die helfen könnten, Katastrophen wie den Hitzetod von 5100 Menschen in diesem Sommer abzuwenden. Aber wie könnten solche Maßnahmen aussehen?
„Die Umgestaltung“, schreibt die Stadt Marburg über ihre Pläne, „verfolgt mehrere Ziele: eine höhere Aufenthaltsqualität in der Oberstadt, punktuelle Begrünung, ein verbessertes Regenwassermanagement, klare Möblierungs- und Fahrradabstellkonzepte sowie sichere Wege für den Fuß- und Radverkehr.“ Nach dem üblichen Prozedere wurde ein freiraumplanerisches Verfahren ausgelobt, in das auch Wünsche aus Bürgerversammlungen eingeflossen sind. Im Juni 2026 tagte die Jury unter dem Vorsitz des Architekten Axel Lohr und kürte drei Preisträger, die die Lösung in unterschiedlich dichter Anpflanzung von Bäumen sehen. Vom Entwurf mit dem dichtesten Baumschmuck, dem der erste Preis zuerkannt wurde, zeigt sich die Stadt auch deshalb bestochen, weil es den Münchener Landschaftsarchitekten Terra Nova gelinge, „mit Bäumen, Schatten und Wasser (...) das Stadtklima (zu) verbessern und die Aufenthaltsqualität deutlich (zu) erhöhen“. Im Herbst soll mit den Siegern verhandelt und die Planung konkretisiert werden.
Es ist ein Konzept ganz nach dem Geschmack der Zeit und könnte auch in Dutzenden anderen Städten breiten Zuspruch finden. Der Bürger lechzt nach Stadtgrün, die Politik schwärmt von Fahrradwegen, Elektroautos, Schwammstädten, Solardächern und Windrädern. Architekten und Ingenieure verfallen in andächtiges Staunen, wenn wieder irgendein Kollege ein neues Highlight von „Hortitecture“ kreiert – ein Kunstwort, mit dem die Berliner Architektin Almut Grüntuch-Ernst die grün dekorierte Großstadt als Patentlösung einer geläuterten grünen Baulehre vorstellt.
„Grünes“ Bauen wird zum Gegenteil von „grün“
Ist das noch „Architektur“? Oder ist es nicht vielmehr Technik, grüne Technik, mit der sich das menschliche Habitat immer mehr in einen funktionellen Apparateverbund verwandelt? In Zeiten einer sich täuschend vor die Wirklichkeit schiebenden Bildschirm-Realität vergessen wir leicht, dass sich hinter jedem Grün Skelette aus Stahl, Stein, Holz oder Beton verbergen – eine oft hochgezüchtete technische Installation, die nie „kostenlos“ sein kann, sondern immer Ressourcen verbraucht, weil jedes technische Gerät, ehe es zur Anwendung kommt, erst einmal produziert werden muss.
Noch nie war die Differenz zwischen Angebotspreisen und tatsächlichen Herstellungskosten architektonischer Werke so groß wie heute. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Anbieter eine ungeschönte Kosten-Nutzen-Analyse, die den Energieeinsatz einrechnet, nur allzu gern erspart. Auch „grüne“ Planung wird zur puren Wahrsagerei, wenn die verbauten Ressourcen für Grundstück, Baustoffe, Fabrikproduktion, Transport, Hoch- und Tiefbauarbeiten, Baugeräte, Bauzeit, Anfahrt/Rückfahrt der Architekten, Planer und Bauarbeiter nicht ehrlich eingepreist werden. „Grünes“ Bauen wird zum Gegenteil von „grün“, wenn dabei mehr Ressourcen verbraucht als eingespart werden.
Viele Stadtplaner und Lokalpolitiker tun so, als seien Daten zu den tatsächlichen ökologischen Effekten von Begrünungsprogrammen noch nie erhoben worden. Davon kann keine Rede sein. Schon vor Jahren hat ein siebenköpfiges Team der TU München und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf eine Untersuchung vorgelegt (im „Jahrbuch der Baumpflege“, 2017), in der die konkreten Auswirkungen von Hitze-Episoden auf das menschliche Klimaempfinden analysiert werden, und zwar in drei unterschiedlichen Bebauungszonen: mittelalterliche Stadt, Blockrandbebauung und Zeilenbau.
Windtürme, Brunnen, Klimaanlagen – der Kampf um die kühle Stadt
Die Studie geht davon aus, dass Temperaturen von 18 bis 23 Grad als „behaglich“ empfunden werden, von mehr als 23 Grad als „Wärmebelastung“ und von mehr als 41 Grad als „extreme Wärmebelastung“. Gemessen wird die „physiologisch äquivalente Temperatur“ (PET in Grad Celsius) in 1,4 Metern Höhe, wobei die Wirkung der meteorologischen Parameter Lufttemperatur, Wind, Feuchte und Strahlungstemperatur auf den Menschen im Außenraum in einem Wert – der gefühlten Temperatur – zusammengefasst und mit den Siedlungstypen abgeglichen wird.
Was kommt dabei heraus? Bestimmte städtische Zonen werden tatsächlich zur Hitzefalle, wenn die Bebauung der heißen Luft Tor und Tür öffnet. So erweisen sich gerade die „großzügigen begrünten Freiflächen“ der Zeilenbebauung als Einfallstor, denn in der „offenen“ Bebauung fehlt es an Schatten. Wörtlich: „Die Freiflächen werden also länger besonnt und heizen sich dadurch mehr auf (Maximalwerte über 60 Grad C).“ Demgegenüber liegt die gefühlte Temperatur in der Blockrandbebauung und der Mittelalterstadt unter gleichen Bedingungen rund 20 Grad darunter bei (immer noch belastenden) 41 Grad.
Was bringen da zusätzliche Bäume? Die Autoren rechnen vor, dass sie, wenn sie erst einmal breite Kronen ausgebildet haben, die „gefühlte“ Temperatur tatsächlich absenken können –
in Wohngebieten mit Blockrandbebauung und in der mittelalterlichen Stadt um bis zu zehn Prozent, in Siedlungen mit Zeilenbauweise freilich nur um schwache 3,8 Prozent. Erst bei „maximaler“ Baumpflanzung, insbesondere vor den Süd-West-Fassaden, steigt die Minderungsquote in Gebieten mit Zeilenbauweise auf 18,1 Prozent – gegenüber der Blockrandbebauung (13,0) und der Mittelalterstadt (17,5) ein Vorsprung von fünf bis weniger als einem Prozent, was sich angesichts der 20 Grad höheren PET-Messungen in Zeilenbausiedlungen bei durchschnittlicher Bepflanzungsdichte marginal ausnimmt. Mit anderen Worten: Stadtplanung und Bepflanzung können das Klima in Städten beeinflussen, aber nur erstaunlich geringfügig oder gefühlt.
Die beste Kühlung bietet der Schatten
Noch ernüchternder stellen sich die Effekte „moderner“ Begrünungsstrategien wie Dach- oder Fassadenbegrünung dar. Selbst eine „maximale“ Bepflanzung von Gründächern – in Architekturzeitschriften euphemistisch als Lösung für die Stadt der Zukunft angepriesen – „schafft“ demnach nicht einmal ein Prozent Temperaturminderung, die begrünte Fassade zwar 10 bis 14 Prozent, aber nur dort, wo sie architektonisch am meisten „stört“: in der Mittelalterstadt oder im Gebäudeblock. In der Zeilenbebauung dagegen rutschen die Werte in den Keller, auf zwei Prozent und weniger. Daraus darf man schlussfolgern: Die äußerst bescheidenen Klimaeffekte von „Hortitecture“ berechtigen kaum dazu, in ihr den entscheidenden Beitrag zur Rettung des Stadtklimas zu sehen.
In den Forschungsergebnissen bestätigen sich Alltagserfahrungen, die jedem Stadtbürger vertraut sind: Die beste Kühlung bietet der Schatten. Und der ist nicht an Bäume, Entsiegelung oder Wasseradern gebunden, sondern an die städtebauliche Dichte. Blickt man auf mediterrane Städte, die sich bei Touristen selbst noch bei höchsten Hitzegraden größter Beliebtheit erfreuen, fällt die schluchtartige Enge der Gassen auf, deren Schattenwürfe ein Aufheizen bis an die Schmerzgrenze nicht zulassen, obwohl sie fast gänzlich ohne Bäume auskommen. Die in Jahrhunderten eingeübte Bauweise trägt sommerlichen Temperaturen offensichtlich weit besser Rechnung als manches publikumswirksam angekündigte Begrünungsprogramm, hinter dem oft nichts als Populismus und wohlfeile Koketterie mit schlichten Massensehnsüchten steckt.
Brutale grüne Architektur
Die Auflockerung und Auflösung der Städte, von der die Vordenker der Architekturmoderne von Ernst May bis Le Corbusier einst geträumt haben, erweist sich heute als folgenschwerer Fehler, dessen Wiedergutmachung Milliarden von „Sondervermögen“ schluckt. Und die „grüne Stadt“ ist drauf und dran, in dieselbe Falle zu tappen. Das kann die Gesellschaft noch teuer zu stehen kommen. Jeder Quadratmeter Innenstadt, der freigeräumt oder begrünt wird, wird mit der doppelten und dreifachen Quadratmeterzahl neu versiegelter und bebauter Fläche am Stadtrand erkauft. Denn irgendwo müssen die durch „Auflockerung“ verdrängten Stadtbewohner ja untergebracht werden.
Gelingt das nicht in der dicht bebauten Innenstadt, kann es nur am Stadtrand geschehen. Mit unausweichlichen Folgen: Weitere Verdrängung der „echten“ Natur, mehr überbauter Boden, mehr Infrastruktur, Leitungen, Straßen, ÖPNV, Pendler, Schulen. Hinzu kommen die für eine
solche „Transformation“ erforderlichen Baumaßnahmen selbst. Allein die Herstellung dieses neuen Typs von Suburbia frisst über den ohnehin schon für jeden Neubau erforderlichen Ressourcenaufwand hinaus zusätzliche energetische Potenziale, von der Vergeudung von Baustoffen ganz zu schweigen.
Fühlfaktoren und Klimafaktoren
Was griffige Formeln wie Gartenstadt, fließende Räume, Schwammstadt oder Hortitecture verschleiern: Städte können niemals zu Wäldern werden, sie können nicht das Weltklima retten. Die „grüne Stadt“ als neues himmlisches Jerusalem ist Augenwischerei. Aber das heißt natürlich nicht, dass neu in die Stadt eingebrachte Natur nicht ein originelles Gestaltungsprinzip sein kann. Bäume in der Stadt sind, was sie immer waren: mehr ein Fühlfaktor als ein Klimafaktor. Das führt zur ursprünglichen Aufgabe des Architekten und Stadtplaners zurück: zur Stadtgestaltung oder, wie Karl Friedrich Schinkel sagte, zur „Veredlung aller menschlichen Verhältnisse“. Wenn der Stadtbaum, in den Grenzen, die die Münchener Studie aufzeigt, den Hitzestau in den Städten auch nur punktuell erträglicher machen kann, ist er doch ein Beitrag zur „Wohlfühlstadt“.
Da lässt sich von den „Erfindern“ der gründerzeitlichen Stadt einiges lernen. Sie haben Alleen und Chausseen, Stadtparks und grüne Mittelstreifen, Rondelle und Rabatten angelegt, sie haben Ruhebänke aufgestellt und Teiche mit Springbrunnen implantiert und mitten im Großstadttrubel Zonen der Ruhe und des Verweilens geschaffen. All dies geschah nicht aus technisch-wissenschaftlichem Kalkül, sondern aus kultureller Verantwortung, ästhetischem Ehrgeiz und künstlerischer Gestaltungsfreude. Es waren Elemente einer gehobenen Stadtkultur und Lebensqualität, von denen der Stadtbürger aller Klassen profitierte. Und man begründete diesen Luxus nicht mit logistischen, klimatologischen oder medizinisch-gesundheitlichen Notwendigkeiten, sondern mit Argumenten der Schönheitspflege, der Stadtkultur, der Stadtbildpflege und Lebensfreude.
Wie ernst es den Planungsgewaltigen mit derartigen Leitideen des Städtebaus noch in der Kaiserzeit war, belegt ein Erinnerungsband der Historischen Kommission der Stadt Frankfurt am Main von 1929, in dem auf 450 Seiten das Wirken des großen Altonaer und Frankfurter Oberbürgermeisters Franz Adickes (1846–1915) gewürdigt wird. Ein wahrer Hymnus, wie er wohl keinem Kommunalpolitiker heute mehr zuteil werden kann: „Besonders stark tritt das künstlerische Moment und die Bedeutung der Fantasie in allen den Plänen (von Adickes) hervor, die sich auf das Bau- und Verkehrswesen der Städte beziehen und die einen so großen Teil in seiner Wirksamkeit ausmachen, dass man ihm öfter den Beinamen ,der Städtebauer' gegeben hat. Die großen Straßendurchbrüche in Altona und Frankfurt, die Neugestaltung des Stadtbildes durch sie in Verbindung mit mannigfachen gärtnerischen Anlagen und Ausbau neuer Stadtteile, die mächtigen Hafenbauten in beiden Städten, alles aus seiner eigensten Initiative hervorgegangen, hätten weder geplant noch durchgeführt werden können, wenn nicht ein Architekt in ihm gesteckt hätte, der mit Künstlerblick die Welt ansah.“
Persönlichkeiten von solcher Gestaltungskraft und Gestaltungsmoral hat fast jede Großstadt jener Zeit in Deutschland hervorgebracht. Was sie geschaffen haben, ist von den Ideologen
der durchtechnisierten, durchrationalisierten Stadt eingeebnet und wegrationalisiert worden. An die Stelle der Stadt als Heimat und Zufluchtsort der Wohngeborgenheit trat die Stadt als „Maschine“, die keinen Platz mehr für „künstlerische Ambitionen“ hat. Das große Abräumen und Auflockern rechtfertigte der selbst ernannte Vollstrecker des „Zeitwillens“, Mies van der Rohe, mit Sätzen, die auch heute noch vielen verführerisch klingen: „Die Vergangenheit lassen wir wie einen Kadaver hinter uns. Die Zukunft überlassen wir den Wahrsagern. Wir ergreifen das Heute.“ Jahrzehnte vor der heute amtierenden Bundesregierung wurde damit die wichtigste Ressource der Bauwirtschaft, der Gebäudebestand, schon einmal pauschal zu Schrott erklärt – und damit das, was das eigentliche Volksvermögen für bezahlbare menschliche Städte ausmacht.
Stadtbegrünung wird zum Übel, wenn man meint, die alte Stadtkultur mit einer ökologischen Stadtwildnis überwuchern zu können. Hier steht die planerische „Transformation“ an einer Grenzlinie. Das idyllische Marburg ist dafür nur ein Beispiel. Klimaschutz im Städtebau war schon immer zuallererst Pflege und Entwicklung des Vorhandenen. Das wusste keiner so gut wie der große Vordenker städtebaulich-architektonischer Erneuerung, Antoni Gaudí. Er kühlte seine Häuser nicht mit energiefressenden Klimaanlagen, sondern mit Windtürmen, wie er sie aus den Maghrebstaaten kannte. Die simple Technik war ihm als geniale Möglichkeit erschienen, große städtische Häuser im mediterranen Hitzestau ohne teuren technischen Aufwand bewohnbar zu machen.
Die Lehre, die darin steckt, gilt überall, wo heute von der Zukunftsstadt als einem Garten Eden geträumt wird. Die Bundesstiftung Baukultur hat es in ihrem Baukulturbericht 2022/23 auf die knappe Formel gebracht: Es gilt, den „Bestand als Schlüssel zum Klimaschutz (zu) begreifen“. Und zwar „auch, weil damit wertvolle Ressourcen erhalten werden.“
Es könnte alles so einfach sein.
Weitere Informationen
Veröffentlichung
Weitere Meldungen

Vernunft statt Ideologie und Intoleranz
Do, 10. September 2026

Eine persönliche Meinung zum ISEK
Mi, 09. September 2026